Freitag, 12. November 2004
Paint it black - Ein Newsletter aus Purkersdorf (11/04)
"yes, no, maybe - i don't know! can you repeat the question?"
[they might be giants - "malcolm in the middle"]


Lieber vor dem Computer vereinte Gemeinschaft!

Karl war da. Genau der. Der, der damals die Claudia entdeckt hat. Die dann später den wahrscheinlich eigentlich schwulen Magier geheiratet hat, sich scheiden hat lassen, um dann glücklich mit einem anderen Mann zwei Kinder zu bekommen, und dann post-natal sofort wieder auf ihr Idealgewicht zurück zu fallen, ohne selbstverständlich irgendwelche strenge Diäten zu halten, Medikamente zu nehmen oder von Bullemie-Arten auch nur seitlich gestreift zu werden. Klar, Claudia. Sie hat wahrscheinlich nur die Diät von Karl angewendet, die es übrigens bereits in Buchform (Achtung, Werbung!) zu erstehen gibt, in einem Morawa in Ihrer Nähe!

Also Karl war da. Und wie es sich für einen netten Karl geziemt, hat er, damit wir sozusagen auch einen Karl haben, etwas dagelassen. Alle wollen doch wie Karl sein. Nein, nicht homo. Schick. Stylish (oder schreibt man das Neudeutsch "stylisch"?). Elegant. Schlank. Und Karl sah, dass das Volk ihn rief, berief. Und er begab sich zu des Volkes Vertretern, den Mundschenken der Bekleidungsindustrie, der Caritas unter den Handelsunternehmen. Karl gab Haundemm was das Volk bedurfte. Und das Volk dankte artig. Die Massen hörten und strömten. Galt den Ober-Döblingern und Hietzingern der Haundemm dem Proletariat allein gehörend, und wollte der Simmeringer und Favoritner bis dato auf keinen Fall mit Haute Couture am Wochenendmarkt gesehen werden, so konnte Mann-Frau-Volk sich demokratisch auf Karl bei Haundemm einigen. Und es wurde gestürmt was gestürmt werden konnte, auf dass gegen Mittag das Volk glücklich und der Shop leer war. Und Karl sah, dass es gut war.

Und so besitzt jetzt eine Mehrzahl von west-europäischen Bürgern ein schwarzes Irgendwas (denn schwarz waren sie alle), dessen Schnitt kolportiert vom Meister inspiriert jetzt vom Normalsterblichen transpiriert wird, so darf sich eine kleine Schar von ost-europäischen Bürgern mit dem Meister freuen, da sie, in ihren wahrscheinliche ebenso schwarzen Fabriken in Rumänien für die Herstellung der HHC (Haundemmhautecouture) sorgten. Mode, Diät und jetzt Entwicklungshilfe. Ich denke, da wurde vor kurzer Zeit eindeutig der falsche Karl selig gesprochen!

Aber da wir schon intensiv über die Hoch- und Höchstkultur plaudern, so möchte ich gleich die Gelegenheit benutzen, um eine mindestens ebenso karitative Aktion in der kommenden Woche publik zu machen, zu preisen und vielleicht auch ein wenig zu fördern. In der kommenden Woche findet bekannter Weise die alljährliche Buchwoche im Wiener Rathaus statt, bei der das Buch auf das Niveau und den Stellenwert der Radieschen, Paradeiser, Gurken und Birnen auf dem Brunnenmarkt in Ottakring gehoben wird. Auf zahlreichen Ständen werden jene Waren angeboten, die nicht durch qualitative Selektion ihren Weg in diese Verkaufsausstellung gefunden haben, sondern einzig und allein durch die Tatsache, dass die Produzenten, die Verlage, dem Hauptverband dafür Geld geben, dass die auf der Buchwoche vertretenen Buchhändler, die ebenfalls dafür dem Hauptverband Geld geben, gewisse Bücher verkaufen. Wer das System nicht kennt, wird den letzten Satz wahrscheinlich nocheinmal lesen müssen. Aber neben all diesem westlich-dekadenten Kapitalismus, neben den pekuniären Auseinandersetzungen, findet dieses Jahr zum dritten Mal eine Aktion statt, die weltweit schon Nachahmer gefunden hat: "Eine Stadt - ein Buch", in Freundeskreisen auch "Wien lernt lesen" genannt. Die Stadt schenkt jedem es rechtzeitig ergattern kann, ein Buch. Vor 2 Jahren Morton's Ewigkeitsgasse, letztes Jahr Kertesz' "Schritt für Schritt" und heuer ein fünfzig Jahre altes Buch von J.M. Simmel. Gracias, liebe Stadt. Auf der Buchwoche und in den Buchgeschäften werden sich wieder tausende Menschen auf der Suche nach dem "Gratisbuch" einfinden, viele betreten dadurch zum ersten Mal eine Buchhandlung, und sie werden das Buch ugelesen zwischen dem obligatorischen Österreich-Bildband und der Bibel ins Regal stellen. Die Anschaffung des Billy von Ikea hat sich also doch gelohnt. Und um gleich die Antwort der kommenden Mail-Anfragen vorweg zu nehmen: ja, ich nehme gerne Bestellungen an und lege Euch ein Gratis-Buch zur Seite!

Genug der frohen Botschaften, die Realität ist hart: in 6 Wochen ist Weihnachten! Da müssen wir noch durch ...

Einen schönen Abend,

Martin Abel

... comment